Gefangen in Angst und dem Gedanken „ich bin dumm“
- katjagrincoach
- 31. März
- 4 Min. Lesezeit

Eine Frau kam zu mir in die Sitzung mit Panikattacken und ständiger innerer Unruhe. Sie hatte schon vieles ausprobiert – sogar starke Beruhigungsmittel, aber nichts hat wirklich geholfen. Gedanken an Antidepressiva hatte sie auch, hat sie aber immer wieder weggeschoben.
Die Panikattacken haben vor ein paar Jahren angefangen. Jetzt ist es irgendwie anders geworden: keine akuten Anfälle mehr, sondern so ein dauerhaftes, unterschwelliges Gefühl von Angst.
Sie war ständig in Bewegung: irgendwohin gehen, sich beschäftigen, rausgehen, mit Leuten reden. Hauptsache nicht alleine mit sich selbst sein. Denn genau in diesen Momenten kam die Angst hoch.
In der Arbeit sind wir auf das Thema mit ihrer Mutter gestoßen. Die Mutter war emotional nicht wirklich da: große Familie, viele Kinder, viel Stress – für dieses Mädchen war einfach keine Zeit und keine Energie übrig. Das Kind hat eher gestört.
Das Mädchen hat das gespürt und einen Weg gefunden, um trotzdem in Kontakt zu bleiben – über Helfen. Sie hat aufgeräumt, unterstützt, war brav und angepasst, wollte sogar samstags nicht zur Schule, nur um zu Hause bleiben und der Mutter helfen zu können. So hat sich eine Strategie gebildet: Um in Verbindung zu bleiben, muss ich nützlich sein.
Nach der ersten Sitzung hat sich ihre Angst ungefähr halbiert, aber dieses diffuse Gefühl blieb trotzdem. So eine Art unbeschreibliche Angst – sogar Angst davor, diese Angst zu fühlen.
Wir sind tiefer gegangen. Als ich sie nach Selbstverwirklichung gefragt habe – was sie eigentlich im Leben machen möchte – sagte sie: „Ich weiß es nicht. Mir fehlt die Disziplin. Ich halte mich einfach für dumm. Mir bleibt nichts im Kopf.“
Gleichzeitig hat sie sich für Esoterik, Astrologie und die Arbeit mit Menschen interessiert. Damit hat sie vor allem in den letzten zwei Jahren angefangen, als sie versucht hat, sich selbst besser zu verstehen. Aber dieser Glaubenssatz „ich bin dumm“ hat sie komplett blockiert.
Wir haben angefangen, nach dem Ursprung zu suchen und sind in ihre Kindheit gegangen, ungefähr in das Alter von sechs Jahren, als sie eingeschult wurde.
Vorher hat sich niemand wirklich mit ihr beschäftigt. In dieser großen Familie war sie ein „verlorenes Kind“. Niemand hat ihr vorgelesen, niemand hat sie gefördert, sie hatte eine Puppe – und das war’s. Ihre Aufgabe war es, zu helfen, um in der Nähe der Mutter zu bleiben.
In der Schule kam dann eine strenge Lehrerin dazu, die sie mit dem Zeigestock auf die Hände und sogar auf den Kopf geschlagen hat. Dadurch hat sich das Gefühl verstärkt: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Zu Hause wurde es noch schlimmer. Die Mutter hat sie ständig mit einer „klügeren“ Cousine verglichen, der Bruder hat sie dumm genannt und die Schwester hat sie ebenfalls abgewertet. Es gab also mehrere wichtige Bezugspersonen, die immer wieder das Gleiche vermittelt haben: „Du bist nicht klug.“
Die kindliche Reaktion war Widerstand: „Wenn ich sowieso dumm bin, dann brauche ich mich auch nicht anzustrengen.“ So ist dieser Glaubenssatz entstanden.
Im Erwachsenenalter hat sie ihn einfach weiter bestätigt, und das Gehirn funktioniert so: Es widerspricht dem Programm nicht – es folgt ihm. Genau hier ist wichtig zu verstehen, woher die Symptome kommen.
Früher hat diese Frau nach der Strategie „Helferin“ gelebt: sich um andere kümmern, gebraucht werden, für alle da sein. So hat sie ihren Wert gespürt. Aber die Kinder sind größer geworden, der Jüngste ist 14, und die Phase der Ablösung hat begonnen. In diesem Moment hat ihre alte Strategie nicht mehr funktioniert.
Es gab niemanden mehr, für den sie „da sein“ konnte. Gleichzeitig konnte sie nicht in ihre eigene Entwicklung gehen, weil in ihr der Glaubenssatz „ich bin dumm“ lebte. Es entstand ein innerer Konflikt: Energie ist da, aber sie hat keinen Kanal. Diese Energie ist in Angst umgeschlagen.
Sie war ständig aktiv, viel unterwegs, hat viel geredet – es wirkte wie Aktivität, war aber eigentlich Vermeidung. Vermeidung, sich selbst zu begegnen und dieses Gefühl von Leere und „ich bin nicht genug“ zu spüren. Da wurde klar: Das ist keine „einfach nur Angst“, sondern Energie, die keinen Ausdruck findet.
Dann begann die eigentliche Arbeit. Wir haben diesen Glaubenssatz hochgeholt und gesehen, woher er kommt – aus Erfahrungen, aus Verletzungen, aus fremden Projektionen. Es war nie ihre Wahrheit.
In einer Übung ist sie als erwachsene Frau zu sich selbst als kleines Mädchen gegangen – zu dieser sechsjährigen Version von ihr, die all das erlebt hat – und hat zu ihr gesagt: „Du bist wichtig. Du bist wertvoll. Du bist klug.“
Wir haben diesen Block gelöst, den Glaubenssatz „ich bin dumm“ ersetzt durch „Ich bin klug, ich kann das, ich schaffe das“ und zusätzlich einen inneren „Stopp“ fürs Sich-selbst-runtermachen gesetzt. Denn jedes Mal, wenn sie sich selbst gesagt hat „ich bin dumm“, hat sie sich genau das Gleiche angetan wie früher die anderen und sich selbst verraten.
Am Ende der Sitzung hat sich alles verändert. Die Angst war weg, der Nebel im Kopf war weg, Klarheit und Stabilität waren da. Vor allem wurde es möglich, ihren eigenen Weg zu gehen – nicht für andere, nicht wegen andere, sondern für sich selbst. Denn es gibt in diesem Leben nur einen Menschen, der vom ersten bis zum letzten Tag immer bei dir ist, und das bist du selbst ✨

Kommentare